Morbider Charm in Buenos Aires

Nach den letzten Tagen in Brasilien freuen wir uns nun sehr auf Buenos Aires und erhoffen uns eine gewisse Europäische Aufgeräumtheit ;-)
Wir haben nun lange genug am Stand gelegen und sind bereit für City-Sightseeing und argentinischen Winter.
Buenos Aires (BA) ist riesig, das haben wir im Anflug gesehen. 20 Mio. Menschen brauchen ihren Platz. Wir steigen aus dem Flieger und atmen erstmal tief durch. Die Luft ist kühl aber klar.
In unserem Reiseführer wurde uns ein Guide wärmstens ans Herz gelegt um die Stadt zu erkunden. Und tatsächlich hat Leo am nächsten Tag auch Zeit für uns.
Leonardo Dal Maso kommt aus Buenos Aires, hat drei Jahre in Bremen gelebt und kann uns über BA, die argentinischen Weine und Steaks einiges erzählen. Darüberhinaus ist er Sommelier und lädt uns direkt am ersten Abend zu einer Weinprobe ein. Da wir uns recht sicher fühlen, werden wir übermütig und beschließen seit Wochen des Taxifahrens auf die öffentlichen Verkehrsmittel zurück zu greifen, in diesem Fall Omnibus.

Exkurs: Wer von Euch jemals in BA sein sollte und uns nachweisen kann, dass er es geschafft hat mit dem Bus an sein Ziel zu kommen, OHNE ein 30-minütiges Studium des chiffrierten Fahrplans, der kann eine gute Flasche argentinischen Wein bei uns abholen. In einem 188-seitigem "Fahrplan" werden gemäß Start und Zielstraße nebst Hausnummer die jeweiligen Planquadrate ermittelt, welche dann zur Identifikation möglicher Buslinien (ca. 300) miteinander abgeglichen werden müssen. Dann sind die jeweiligen Haltestationen zu schätzen, diese sind nämlich nicht beschildert und sind am besten durch Menschenansammlungen zu identifizieren - Achtung, dass man sich nicht fälschlicherweise zu einer der häufigen Streikgesellschaft stellt, die in Argentinien einer Blaskapelle ähneln. ;-) Wenn man dann den Bus und die Haltestelle gefunden hat, das Fahrzeug zum Ranfahren ermutigen konnte und den Aufsprung während der verlangsamten Fahrt überstanden hat, wird man feststellen, dass der Fahrer keine Fahrkarten verkauft und der Automat nur eine scheinbar fremde Währung akzeptiert, die MÜNZE. (mehr dazu später, es sei nur so viel jetzt schon verraten, die schlichte Peso-Münze scheint dem Touristen wertvoller als der US-Dollar, weil seltener). Wir sind mal ganz frech schwarz gefahren! Jetzt heißt es festhalten, beidhändig sei empfohlen und auch eine leicht geöffnete Beinstellung hilft die rasante Fahrt lediglich mit leichten Blessuren zu überstehen. Ein genauer Abgleich der vorbeizischenden Straßenschilder mit dem Stadtplan hilft dabei im Zielgebiet die Reisleine zu ziehen und den Fahrer auf den baldigen oAbsprung hinzuweisen. Wieder an Land, durchatmen.

Nach der bestandenen Mutprobe startet Argentinien ganz nach unserem Geschmack und so genießen wir gleich am ersten Abend hervorragendes Steak und ausgesuchte Rotweine.
Leo soll uns am nächsten Tag die Stadt aus der Sicht eines Argentiniers zeigen und so erleben wir ein Buenos Aires abseits der ausgetretenen Touristenpfade.

Wir starten mit einem Frühstück in einer Bares Notable im Stadtteil SanTelmo. Dies sind Kaffeehäuser, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Bedeutung per Gesetz geschützt sind. Der Rundgang führt uns dann zunächst durch die Stadtteile San Telmo und La Bocca. Nachdem um 1860 hier Epidemien wüteten verlies die Oberschicht diese Gebiete und wegen der nahen Fabriken und des Hafen nahmen Arbeiter von den Kolonialbauten besitzt. Nachdem der Hafen, durch die Containerschiffe bedingt, verlegt wurde und die Fabriken schlossen standen viele Gebäude lange Jahre leer und wurden erst in den letzten Jahren von Kreativen und Künstlern entdeckt. Wie überall auf der Welt, ziehen diese wieder die junge Oberschicht an und machen die Viertel wieder schick. So entsteht hier eine spannende urbane Mischung.
Aber BA ist vielseitig und schon am nächsten Tag präsentiert sich die Metropole im Stadtzentrum mit ihren vielen Belle-Epoque-Gebäuden europäisch und wir fühlen uns nach Wien oder Paris versetzt. Breite Straßen, große und prächtige Palais lassen einen tolles Flair entstehen und mit ein wenig Fantasie, kann man den Glanz erahnen den BA einst ausstrahlte. Leider sind aufgrund der Rezession der jüngeren Geschichte viele Gebäude in schlechtem Zustand und die Auslagen der kleinere Geschäfte erinnern stark an Osteuropa in den 90er Jahren. Daher ist ein Vergleich mit Prag vielleicht treffender. Zur Erinnerung sei angemerkt, dass Argentinien in 2001 Staatsbankrott anmelden mußte. Dennoch ist die Stadt einfach toll. Am Abend entscheiden wir uns ein Restaurant um die Ecke aufzusuchen - TripAdvisor und den niedrigen Temperaturen sei Dank. Argentinier gehen spät essen, ABER, als wir um ca. 21:30 Uhr dort eintreffen, ist der Windfang voller Menschen und das Restaurant voll besetzt. Christiane, mutig wie immer, bestellt 2 Plätze welche maximal in 15 Minuten frei sei sollen. Also warten wir gemeinsam mit allen im Windfang. Immer wieder kommen Einheimische die dann mit uns oder auf der Straße warten. Das Essen, ab 22:45 Uhr (!) ist dann wirklich vorzüglich und wir scheinen die einzigen Ausländer zu sein. Gegen 23:30 wird noch eine kleine Familie eingelassen, deren Kind sofort am Tisch einschläft, was die Freude der Eltern über den ergatterten Tisch aber nicht trübt.
Nach so viel Kontakt zu Einheimischen entscheiden wir uns zu später Stunde noch für einen Ausflug in die Welt des argentinischen Tangos. Die Lokation ist heruntergekommen und aber die Menschen sind authentisch. Und so stehen wir voller Ehrfurcht in der Ecke einer Bar und bewundern die Tänzer, die Musik und wie all das in diese Umgebung passen kann.




Buenos Aires bietet viel, von kolonialen Gebäuden, über herrschaftliche Altbauten, "Wiener" Kaffeekultur und beeindruckenden Bibliotheken, bis hin zu moderner Kunst und einem historischen Friedhof der in dieser Pracht seines Gleichen sucht.
Wir fühlen uns sehr sicher, anders als in den südamerikanischen Städten zuvor und können somit die Stadt auch richtig erkunden und genießen.

Unsere naechste Station wird uns nach Mendoza, in die Weinregion Argentiniens fuehren.
Bis dahin, viele Gruesse, Jochen und Christiane

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