Land der aufgehenden Sonne

Was soll nach dem pazifischen Paradies Hawaii noch kommen? Was kann uns noch begeistern? Nun....

...die größte Stadt der Welt: Tokio. 

Im Stadtgebiet der japanischen Hauptstadt leben unvorstellbare 38 Millionen Menschen! Unglaublich; es ist lebe halb Deutschland oder die ein-einhalbfache Population Australiens in einer einzigen Stadt.

Wir sind doch etwas skeptisch gespannt, denn bei einer Stadt dieser Dimension erwarten Weltreisende die jüngst Südamerika, Indien und China bereist haben vor allem: Stau und Lärm aufgrund eines kollabierenden Straßenverkehrs; Schmutz und andere Hinterlassenschaften wegen der Anonymität der Großstadt; Hektik und enges Gedränge der vielen Menschen und ein subtiles Angstgefühl, welches aus der Fremdartigkeit erwächst; doch Tokio ist anders.

Wir erleben keinen Stau, weil die Menschen einfach die fantastischen öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Die Stadt ist super sauber, und dass obwohl es kaum Mülltonnen auf den Gehwegen gibt. Tokio ist beschäftigt wie ein Bienenstock und dennoch ruhig - so können wir mit offenem Fenster schlafen.
Alles scheint durchdacht und optimiert. Ein typisches Doppelzimmer im Budgethotel ist beispielsweise kleiner als 20 Quadratmeter und doch findet sich alles was der Gast braucht und noch viel mehr als man in Europa geboten bekommt. Neben Badmänteln finden sich jeweils zwei Paar Hausschuhe, ein Paar für das Zimmer, das zweites nur für das funktionale Badezimmer; Taschenlampe - falls wegen eines Erdbebens der Strom ausfällt, einen 5 Liter Wasserkocher mit Warmhaltefunktion zum Selbstkochen der in der Lobby angebotenen Instantnudeln; Münzwaschmaschinen nebst Trockner auf dem Gang; kostenloses Internet, usw.

Auch die Japaner sind anders, insbesondere als wir es nach unserer Zeit in China erwarten hatten. Die Menschen sind sehr, sehr, SEHR, höflich; leider aber manchmal zu zurückhaltend. So lässt man uns weitgehend unbehelligt und auf Fragen wird häufig einsilbig geantwortet. Uns ist kaum möglich ein Gespräch mit Japanern zu beginnen. Dies erklärt sich, als wir erfahren, das englische Sprachkenntnisse wenig verbreitet sind; was in Anbetracht des augenscheinlich hohen Organisationsgrad und der scheinbar modernen Lebensweise der Tokioter überrascht.

Dennoch können wir gar nicht oft genug betonen wie zuvorkommend die Japaner im alltäglichen Umgang sind. Sie sind so vorsichtig miteinander, als sei jede Begegnung ein zerbrechliches Glas. Es wird nie laut gesprochen, gedrängelt oder irgendwie die Sphäre eines Mitmenschen eingeschränkt.
Umwerfend ist die Tradition des sich Verbeugens. In Japan gibt man sich nicht die Hand, man verbeugt sich voreinander - und zwar ständig und überall. Im Bus verbeugt sich der Busfahrer vor den Fahrgästen. Wenn ein Bus am Busbahnhof in Tokio einfährt, verbeugen sich die Angestellten auf der Plattform. Wenn die Angestellten eines Kaufhauses aus dem Lager in die Verkaufsräume treten, verbeugen diese sich höflich in den Raum hinein. Im Hotel und Restaurant hält der Kellner bei jedem Erscheinen am Tisch kurz inne und verbeugt sich. Wir stellen schmunzelnd fest, dass wir ganz instinktiv diese Verbeugungen erwidern, so natürlich scheint diese omipräsente Geste uns nach einiger Zeit - schön.

Erwähnenswert ist auch die gute und klassische Kleidung der Japaner. Ohne Krawatte ist in Tokio der Mann im perfekten Geschäftsanzug nicht komplett und die Frauen tragen züchtige westliche Kostümkombinationen. Auch am Abend oder Wochenende werden die Tokioter nicht nachlässig und sehen dann teilweise aus wie aus dem Modemagazin - beeindruckend vor allem auch im Vergleich zum heutigen Deutschland.
Selbst die traditionelle Kleidung, Kimono bei Frauen und Haori-Jacke bei Männern, erscheinen im Straßenbild und erregen bei Einheimischen kein gesteigertes Aufsehen. Anders natürlich bei den Touristen, die ähnlich unverhohlen ihre Fotoapparate zücken wie asiatische Touristen in München bei der Sichtung eines Dirndl oder einer Lederhose. Daneben gibt es auch sehr exzentrisch aufgemachte Menschen: junge Frauen die aufwändig wie Puppen angezogen, frisiert und geschminkt sind. Männer, die ausgefallen modern und bunt angezogen sind.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, das Japaner sehr auf ihre Erscheinung zu achten scheinen.

Das Hobby von Jochens Mutter ist Schneidern. So hat Jochen als kleiner Bub seiner Mutter oft beim Zuschneiden von Stoffen am heimischen Esstisch zugesehen und sich dabei oft gefragt, wo die deutsche Frauenzeitung Burda wohl die Inspiration für ihre Schnittmusterbögen herbekommt. Nun beim Betrachten des Steckennetzplans der Tokioter U-Bahn wurde dieses Rätsel endlich gelöst!
In Tokio U-Bahnfahren sollte olympisch werden oder zumindest als Zulassungsvoraussetzung für eine europäische Universität genügen. Auch nach sechs Tagen im Untergrund stehen wir bei JEDER Fahrt vor dem Fahrplan und rätseln über die beste Verbindung, die korrekte Fahrkarte und vergleichen die Schriftzeichen mit dem Ziel in unserem Reiseführer, da wir selten eine Englische Übersetzung des Netzplans in Tokio finden. Öfter kaufen wir einfach eine billige Kurzstrecke, wissentlich, dass wir damit nicht durchkommen und lösen dann am Zielbahnhof einfach am Automaten nach.

Tokio ist eine moderne Stadt mit alten Traditionen. So haben wir in den wenigen Tagen die wir dort waren VIEL modernste Architektur bewundert, waren im Shinjuku District und insbesondere im Isetan Kaufhaus laaange shoppen, haben eine Teezeremonie im Nakajima-Teehaus im Hama-Rikyu Palastgarten genossen und einen tollen Drachentanz im Senso-ji-Tempel erlebt. Aufgrund des Jetlags war es auch für die überzeugte Langschläferin Christiane möglich um 4:00 Uhr morgens auf dem größten Fischmarkt der Welt in Tokio zu sein und zu bestaunen, was im Meer alles schwimmt und dann in Japan auf dem Tisch landet. Ein Frühstück bestehend aus rohem Fisch um 6:00 Uhr morgens gönnt man sich wohl auch nur an den Fischbuden dort - kann man mögen, muss es aber nicht!

Da wir für den Heimflug nochmals nach Tokio zurückkommen werden, sparen wir uns einen Höhepunkt unserer Japanreise noch auf und reisen mit dem Zug weiter nach Kyoto. Ein sogenannter Railpass erlaubt ausländischen Touristen eine unbeschränkte Nutzung der berühmten Shinkansen-Züge. Dank Christianes guter Recherche haben wir uns diesen Railpass noch in Honolulu in Hawaii besorgt, denn in Japan kann man diesen leider nicht mehr kaufen. Also liebe Japanreisenden aufpassen und vorher kaufen oder empfindlich mehr bezahlen.

Perfektion auf Schienen
Für treue Kunden der Deutschen Bahn ist eine Zugfahrt in Japan etwas wirkliches Außergewöhnliches. So gilt jede Abweichung zum Fahrplan über drei Minuten (!) als Verspätung, für welche man eine Kompensation bei der Bahngesellschaft beantragen könnte. Am Boden auf dem Bahnsteig ist eingezeichnet, wo der hyperfuturistische Zug halten wird. Wir stellen uns in einer offensichtlich geometrisch ausgerichteten Menschenreihe an und auf der Anzeige wird minutiös informiert wann der Zug kommt: noch wenige Sekunden, die Schienen vibrieren, die Japaner prüfen den Sitz der Atemmaske und dann nähert sich lautlos der Shikansen 700, der einem gestrecktem Space-Shuttle ähnelt. Nach wenigen Minuten ist der Aus- und Zusteigevorgang absolviert, typisch japanisch sehr diszipliniert und effizient. Dann fegt der Zug mit 300 km/h auf langen Geraden und vielen Tunneln durch Japan, vorbei am Vulkan Fuji und bringt uns binnen drei Stunden vom modernen Tokio in die alte Kaiserstadt Kyoto. So sollte Zugfahren sein! Wenn man dies mit dem Tumult auf einem chinesischen Bahnhof oder den klapprigen Wagons der indischen Eisenbahn vergleicht, ist es schwer zu glauben, dass man im dem gleichen Sonnensystem mit der gleichen Spezies unterwegs sein soll.


Kyoto
Kyoto war von 794 bis 1869 Sitz des kaiserlichen Hofes bevor der Japanische Hof nach Tokio umzog. Auch heute noch lebt Kyoto in einer anderen, gemächlicherer Geschwindigkeit als Tokio. Tradition, Religion und alte Künste scheinen in Kyoto wichtiger als der neueste Megastore im Glaspalast.

In der Region um Kyoto wurden 14 Tempel und Shintō-Schreine bereits 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wir lassen ein paar Fotos für sich sprechen.

Angetan sind wir von den schönen, exakt geordneten Zen Gärten entlang des sogenannten Philosophenweges. Diese Gärten sind komplett künstlich arrangiert und benötigen unvorstellbare Pflege, stören doch schon abgefallene Blätter scheinbar die göttliche Harmonie. Einige Elemente scheinen integrale Bestanteile eines Zen-Gartens, so gibt es gekämmte Flächen von Kieselsteinen, platziere Felsen, künstliche Bachläufe die mit ruhigen Wasserspielen gepaart sind und Seelandschaften in denen teuere Koi-Fische schwimmen, kunstvoll geschnittene Bäumen, meist Zypressen, geordnete Bambusfelder und anderen Pflanzen. All diese Elemente sind auf bestimmte Punkte ausgerichtet, an denen Orte der Meditation eingerichtet sind. Dort sitzen dann regelmäßig Japaner in für uns unglaublich aufgerichteter Körperhaltung und scheinen versunken in ihren Gedanken. Ein wundervolles Bild in unserer sonst so hektischen Zeit.


An einem Tag machen wir einen Ausflug zu den fotogenen Torii-Gassen des Fushimi- Inari Schreins. Der Fushimi-Inari Schrein ist einer der außergewöhnlichsten Schreine in Japan. Verehrt werden hier die Gottheiten für gute Ernte und Geschäfte. Neben dem dortigen Schrein begeistert ein ausgedehnter Spaziergang auf den Wegen durch den zur Tempelanlage gehörenden bewaldeten Hügel. Die Wege werden nahezu überdacht von den dicht an dicht gestellten Torii-Toren.
Torii sind Elemente der traditionellen japanischen Architektur. Es handelt sich dabei um Tore meist aus Holz oder Stein, die oft zinnoberrot lackiert sind. Sie markieren die Grenze vom Profanen zum Sakralen und stehen daher immer am Eingang eines Shintō-Tempels. Die tausenden von Torii beim Fushimi-Inari Schreins sind von Firmen und Privatpersonen gespendet und stehen für deren Wünsche und Bitten. Ein Spalier dieser von ganz klein bis riesig großen Torii, bildet förmlich einen Tunnel zum Hauptschrein auf dem Hügel und der zweistündige Spaziergang vorbei an vielen anderen Schreinen ist unbedingt empfehlenswert.


So viel Laufen macht hungrig und so entscheiden wir uns noch am Bahnhof in Kyoto zu Abend zu essen. Dies soll uns mal wieder den herausragenden Organisationsgrad Japans vor Augen führen. Im obersten Stockwerk eines futuristischen Einkaufszentrums mit Verbindung zum Bahnhof finden sich allerlei Restaurants. Hier wird das Essen an einem Automaten vorbestellt, Fotos erleichtern die Auswahl. Nachdem man am Automat bezahlt hat, erhält man eine Wartenummer und ordnet sich in Schlagen von Wartenden vor dem Essenraum ein. Wir entscheiden uns für Nudel zwischen Spiegelei von der Kochplatte. Sobald unsere Nummer auf der Tafel erscheint, betreten wir den gemütlich eingerichtet Essensraum und werden freundlich zu unserem Platz geführt, wo wir sehr zeitnah das bestellte Essen serviert bekommen. Das Essen ist wirklich gut und niemand drängelt, aber sobald man fertig ist, geht man wieder und macht Platz für die Nächsten. Sehr effizient.

Das Geheimnis von Kochbüchern oder warum Plastikessens so praktisch ist.
Aber natürlich kann man in Japan auch traditionell Essen gehen, mit Bestellung am Tisch, mehreren Gängen und so. Denn Essen gehen in Japan ist eigentlich einfach. So ist es üblich im Schaufester der Restaurants die Speisekarte als 1:1 Plastikmodell auszustellen. So finden sich allerlei Sushiplatten, Ramen-Suppentöpfe, Pizza und weitere Gedecke in den Fenstern der Restaurants jeder Preisklasse.
Üblicherweise sehen diese Essen aus Kunststoff wirklich sehr appetitlich und "frisch" aus, sollte die Auslage einmal verstaubt sein, würde vermutlich auch niemand mehr dort essen wollen. Obwohl die meisten Speisekarten zwar englische Untertitel enthalten, stellen wir rasch fest, dass wir doch sehr visuell bei der Nahrungsbestellung vorgehen und uns an dem Dargebotenen orientieren. Bewundernswert finden wir, dass das echte Essen dann auch wirklich große Ähnlichkeit zum Muster im Schaufester hat. Aber nicht nur die Speisen finden sich im Schaufenster, auch Plastikgetränke sind zu bewundern! Wer schon immer mal ein exakt eingeschenktes Bier mit perfekter Schaumkrone sehen wollte, auf nach Japan!
Vielleicht wäre das ja auch eine Anregung für die Wirte in Deutschland. Schließlich haben wir auch Daheim schon mal vor einer Speisekarte gesessen und über das Angebot gerätselt.


Was damit aber gelöst wäre, ist das Geheimnis der Fotos in Kochbüchern. Dort scheinen die Speisen immer so glanzvoll und farbig und das in der eigenen Küche exakt nachgekochte Essen, ist dann leider oft ein eher blasses, verwelktes Abbild mit wenig Ähnlichkeit dazu. Also einfach in Plastik in Japan anfertigen lassen oder die künstlichen Zutaten im dortigen Bastelladen kaufen, dekorieren und fotografieren - fertig ist das Kochbuchfoto.

Am kommenden Tag geht es weiter mit dem Shinkansen-Zug Richtung Süden.


Die Bestie „Mensch“
Der 21. März 2013 wird ein schwerer Tag für uns. Wir sind an dem Ort einer schier unglaublichen Gräueltat, einem Ort an dem vor weniger als 70 Jahren tausende unschuldige Menschen innerhalb eines Augenschlags verglühten. Wir sind in Hiroshima.

Heute werden wir bei schönstem Sonnenschein den Friedenspark besuchen und wir gestehen, dass uns nicht ganz wohl dabei ist diesen Ort als Tourist zu besichtigen! Es fühlt sich traurig an. Wir werden sehen.

Der Grund warum Hiroshima im August 1945 für die erste Atombombe ausgewählt wurde ist, da zu diesem Zeitpunkt, am 6.August 1945, die Stadt noch nicht mit konventionellen Waffen "bearbeitet" wurde und somit die USA die Wirkung der neuen tollen Wunderwaffe somit richtig erkunden konnte! Drei Flugzeuge waren beteiligt: 1) das mit der Atombombe, 2) eines mit wissenschaftlich Messinstrumenten an Bord, welche an Fallschirmen abgeworfen wurden um die Explosion zu protokollieren und 3) eines mit Fotografen und Filmteam. Außerdem wird aus den damaligen Protokollen zwischen USA und GB deutlich, dass die Bombe rasch abgeworfen werden sollte um 1) die Bombe noch vor einer möglichen Kapitulation Japans erproben zu können, 2) um Russland keinen Zeit zu geben in Asien weiteren Einfluss zu gewinnen und 3) um die enormen Entwicklungskosten von zwei Mrd. US$, das sogenannte Manhatten Project, vor der amerikanischen Öffentlichkeit rechtfertigen zu können. Schlimm!

Der "Besuch" des Friedensparks ist wirklich ergreifenden. Die Anlage und die dazugehörenden Ausstellungen sind eindrucksvoll gestaltet und wird wohl niemanden unberührt lassen. Wer einmal den schlichten Schatten den ein Menschen der in der Sekunde der Explosion der Atombombe auf einer Treppe verdampfte auf deren Stufe hinterließ betrachtet und die schlimmen Geschichten einiger weiterer Opfer und das traurige Leiden unzähliger Anderer mit den Spätfolgen vor Augen geführt bekommt, wird an der Unverhältnismäßigkeit von Atomwaffen nie wieder zweifeln.

Man kann nur hoffen, dass JEDER Politiker der auf dieser Welt etwas zu entscheiden hat, diesen Ort ausgiebig besucht hat. Wer nach Japan reist sollte nicht versäumen diesen Ort zu besuchen, dies gehört unserer Meinung nach einfach dazu.


Die traurigen Verwandten der Gartenzwerge und japanische Fluchtkünste auf der Klosterinsel Itsukushima
Noch benommen durch die Eindrücke am Vortag entschließende wir uns am darauffolgenden Tag zu einem besinnlichen Ausflug auf die Klosterinsel Itsukushima mit dem Daishi-in-Schrein. Da die Insel als heiliger Ort angesehen wurde, war Bürgerlichen über hunderte Jahre hinweg verboten die Insel zu „betreten“. Damit Pilger den wichtigen Schrein aber besuchen konnten, wurde dieser auf Stelzen in die Bucht gebaut und scheint somit bei Flut im Meer zu schwimmen. Vor dem Schrein steht ein riesiger Torii im Wasser der Bucht durch den die Pilger mit dem Boot anreisen konnten. Bei Ebbe liegt der Torii übrigens frei.

Die Insel ist auch für Japaner ein prominenter Ausflugsort und wir können bequem auf einer Bank sitzend einige weitere unterhaltsame Eigenarten Japans beobachten. Junge Japaner kann man beispielsweise recht zuverlässig an ihrem Verhalten beim Posieren für Fotos erkennen: ein (Familien-)Foto ohne das bei mindestens einer Hand der Zeige- und Mittelfinger zum „V“-Victory gespreizt wird, scheint kaum möglich – nicht immer zur Freude der älteren Generation. Nach nun fast zehn Monaten Weltreise nehmen wir uns gerne Zeit in der wärmenden Sonne sitzend diese sehenswerte Performance zu beobachten.


Mittlerweile wissen wir auch, dass man sich insbesondere vor den heiligen Tieren besser in Acht nimmt und diese nicht durch Futter zur „pussierlichen Interaktion“ motivieren sollte. Auf der Klosterinsel Itsukushima sind dies Hirsche und Affen. Andere Besucher sind darin nicht so versiert und so wird als Sonderprogramm gelegentlich „Das-dynamische-menschliche-Fluchtverhalten-nach-einer-lieblichen-Erstbegegnung-mit-an-Menschen-gewöhnten-Hirschen“ geboten. Insbesondere Großeltern mit Enkeln bieten die beste, weil zur Panik neigende, Darstellung. Keine Sorge, alle blieben wohlerhalten.

Wir folgen dem Pilgerweg den Hügel hinauf, vorbei an weiteren Schreinen, die beeindruckend schön und so ganz anders als die uns vertrauten Kathedralen der Christen sind und treffen auf einen letzten nochmals wundervollen Schrein. Neben diesem gibt es dort einen kleinen Gartenweg an dem eine Unmenge kleiner kahlköpfiger Steinfiguren stehen, die liebevoll mit bestrickten Mützen und Leibchen bekleidet sind.

Obwohl dieses kleinen Buddafiguren wie die sakralen Verwandten der deutschen Gartenzwerge aussehen, erfüllen diese eine traurige Funktion. Dies sogenannten Jizo Bosatsu Figuren zeigen einen buddhistischen Mönch mit kahl geschorenem Schädel, der in der Hand einen Pilgerstab hält. Oft wird Jizo auch als Kind dargestellt. Jizo begleitet die Seelen auf ihrem Weg in die Unterwelt. Legenden erzählen, wie er in die Hölle hinab steigt und die Sünder rettet. Jizo ist traditionell der Schutzgott der Kinder, insbesondere der Kinder, die vor ihren Eltern sterben. Auch als Wächter der Seelen der Mizuko (Wasserkinder), also von Totgeborenen, Fehlgeburten und abgetriebenen Föten, wird er verehrt. In der japanischen Mythologie sind Seelen von ungeborenen oder totgeborenen Kindern unfähig, den mythologischen Fluss Sanzu auf ihrem Weg zur Unterwelt zu überschreiten, sie verbleiben in einer Art Zwischenwelt. Jizo soll diese Seelen nun finden und über den Fluss bringen. Die Statuen haben daher oft Babylätzchen umgebunden oder tragen selbstgestrickte Mützen. Diese werden von Eltern umgebunden oder aufgesetzt, welche hoffen, dass Jizo ihre Kinder anhand dieses persönlichen Besitzes schneller findet.


Auf dem Rückweg nach Tokio machen wir noch eine Zwischenstation bei dem auch aus diversen Filmen bekannten Himeji-Castle, z.B. James Bond: „Man lebt nur zweimal“ oder „The Last Samurai“. Die Burganlage aus 83 einzelnen Gebäuden gilt als schönstes Beispiel des japanischen Burgenbaus und hat auch den Beinamen „Weißer-Reiher-Burg“ als Anspielung auf ihre strahlend weißen Außenmauern. Trotz ihrer architektonischen Schönheit sind die Wehranlagen hoch entwickelt, so dass die Burg als praktisch uneinnehmbar galt. Aufgrund einer sehr grundlegenden Komplettrenovierung ist die Burg bei unserem Besuch leider total verhüllt. Schade.

Ein Tagesausflug von Tokio entfernt ist die wunderschöne von der UNESCO gewürdigte Tempelanlagen von Nikko. Dort kann man wundervoll gearbeitete und hunderte Jahre alte Schreine bewundern. Hier bekommen wir einen kleinen Eindruck vom japanischen Shintoismus und der Religiosität der Japaner. Leider gibt es kaum für Ausländer zugängliche Informationen über diese Religion vor-Ort. Damit bleiben unsere gesicherten Erkenntnisse über die Japanische Religion so dürftig, dass wir hier keine Zusammenfassung wagen wollen. An einem eher unscheinbaren Gebäude befindet sich als Fassadenschnitzerei das weltbekannte Wahrzeichen Nikkos, die drei Affen, die nichts (Böses) sehen, hören und sagen.

Pollenallergie während der Kirschblüte?
Wie eingangs erwähnt ist die letzte Station unserer Weltreise erneut Tokio. Der Frühling meint es gut mit uns und beschert Japan eine der frühesten Kirschblüten seit Jahren. Somit können auch wir daran teilhaben. Die Aufregung Japans über die Kirschblüte ist mit unserem Verhalten zu Weihnachten vergleichbar.

Die Medien berichten täglich über den sich von Nord nach Süd ausbreitenden Stand der Blütenbildung. Die Straßen, Geschäfte und Häuser sind mit allerlei Blüten geschmückt. Es werden Feiern mit Familien, Kollegen und Freunden unter den blühenden Bäumen der japanischen Kirsche geplant und allgemein sind die Japaner emotional beseelt. Ein blühender Kirschbaum symbolisiert ihnen den Kreislauf des Lebens und diente früher auch als Indikator für den Beginn der Reispflanzung.
Die zehntägige Periode der Kirschblüte oder Hanami, wie die Zeit in Japan auch genannt wird, ist schlicht eines der wichtigsten Feste Japans. Und es ist das Fest an dem die sonst so disziplinierten Japaner wild werden sollen; was auch mit dem dabei konsumierten Alkohol zusammenhängen wird. Als Münchner erwarten wir nicht weniger als ein japanisches Oktoberfest.

In dieser fünften Jahreszeit verabreden sich die Japaner im Park mit einer möglichst großen Gruppe und stecken zunächst das Partyareal mit großen blauen Plastikplanen ab. Mit dem Ablegen der Schuhe vor der Plane dürfen die sonst so korrekten und zurückhaltenden Japaner auch die ganzen Konventionen ablegen, die sie sonst so gängeln, denn dann trinken, lachen, tanzen, schreien, spielen, schmusen sie, bis die Sake-Vorratspackungen alle sind. Die Stimmung ist, insbesondere für japanische Verhältnisse, ausgelassen! Aber (zum Glück) weit vom süddeutschen Chaos zum Oktoberfest entfernt.


Dennoch wird auch zum Hanami nicht die omnipräsente Atemmaske abgelegt oder von den Frauen der Sonnenschutz vernachlässigt. Weiße Haut ist in Japan noch immer ein wichtiges Schönheitsideal, daher schützen sich die Frauen neben langer Kleidung mit großen Hüten und langen Handschuhen vor der Sonne. Und die Atemmasken dienen, anders als in Indien und China, in Japan nicht zum Schutz vor der Luftverschmutzung, sondern sind Ausdruck des japanischen Respekt anderen gegenüber. Wenn ein Japaner krank ist, trägt er einen Mundschutz um die Anderen nicht anzustecken und andere tragen ihn um nicht angesteckt zu werden. Und somit tragen alle irgendwie immer eine Atemmaske!?! Eigentlich eine ehrenswerte Geste finden wir, wenn die freiwillige Selbstverhüllung auch teilweise etwas merkwürdig ausschauen mag.

Mit diesen schönen Eindrücken begeben wir uns am 27. März ins Hotel. Nun heißt es ein letztes Mal Koffer packen und mit Vorfreude und dennoch gemischten Gefühlen geht es in eine doch unruhige Nacht.

Am 28. März 2013 endet mit dem Direktflug der JAL von Tokio nach Frankfurt unsere Weltreise, die mit Abstand ereignisreichste Zeit unseres Lebens!

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